Der schmale Grat – Coaching oder Psychotherapie?

 

 

Gerüchteküche und Definition

Über das Coaching kursieren zahlreiche Gerüchte: Psychotherapie light oder Highclass Psychotherapie für wohlverdienende Manager sind nur zwei davon. Coaching ist aber keine verdeckte Psychotherapie oder gar eine Vorstufe davon. Ganz genau gesagt ist Coaching eine „Kombination aus individueller Unterstützung zur Bewältigung verschiedener Aufgaben und Anliegen, die nicht im Kontext von Krankenbehandlung stattfindet.“ (Schwertl, Walter, 2015).

Gut, verständlicher macht diese Definition den Unterschied zwischen einem Coaching und einer Psychotherapie möglicherweise nicht, aber auf den zweiten Blick steckt in ihr alles, was den schmalen Grat kennzeichnet: Behandlung versus Beratung (als Form der Unterstützung).

 

 

Worin liegt der Unterschied?

Heruntergebrochen und kurz gesagt ist Coaching Beratung und eine Psychotherapie Behandlung. Etwas oder jemanden behandeln bedeutet immer auch etwas zu beeinflussen oder zu lenken. Ich kann beispielsweise Holz behandeln und vor dem Verfall bewahren. Mit einem Öl oder einer Lasur verändere ich dessen Oberfläche und Beschaffenheit und macht es resistent gegenüber Nässe oder Witterung. Das macht die Psychotherapie. Sie findet im Rahmen von Heilung und Krankheit statt. Ein Coaching verhilft nicht zur Heilung, sondern regt zu einer Veränderung an und berät zu Entwicklungsmöglichkeiten. Es richtet sich an „gesunde“ Menschen, welche aus eigenem Antrieb heraus eine Herausforderung angehen möchten oder vor einem konkreten Problem stehen, bei dessen Bewältigung sie Anregungen benötigen. Kurz gesagt: Bei einem Coaching geht es darum, sich weiterzuentwickeln. Wer psychisch krank ist, kommt aus eigenem Antrieb nicht weiter. Psychisch krank bedeutet, dass den Personen – oder in diesem Fall den Patienten – Fähigkeiten zum Selbstmanagement im Alltag verloren gegangen sind.

Der wohl größte Unterschied liegt jedoch in der Verantwortung. Im Coaching bestimmen Klient und Coach gemeinsam den Ablauf der Sitzungen und der Klient behält die Verantwortung für sein Handeln. In der Psychotherapie nimmt der Therapeut die Zügel in die Hand und bestimmt Inhalt und Ablauf der Termine.

Doch all die Gerüchte und Unsicherheiten tauchen nicht ohne Grund auf. Denn Coaching und Psychotherapie pflegen auch einige Gemeinsamkeiten. Zum einen unterscheidet sich das Setting in welchem ein Coaching oder die Psychotherapie stattfinden kaum voneinander: In beiden Fällen ist der Coach oder Therapeut außerhalb des Systems des Klienten oder Patienten. Das heißt er ist nicht Teil der Lebenswelt oder Umgebung aus welcher heraus das Problem oder das Anliegen hervorgeht, wie beispielsweise das Unternehmen oder das familiäre/private Umfeld. Weiterhin bedienen sich sowohl der Coach als auch der Therapeut an psychologischen Methoden und Interventionen, wie beispielsweise Reflexionsübungen, Aufstellungen oder Beobachtungen.

Beide Formate – Coaching und Psychotherapie – bedeuten zudem immer harte Arbeit an sich selbst. In keinem Fall werden passgenaue Lösungen vorgekaut und präsentiert, sondern erarbeitet, bewertet, getestet und weiterentwickelt. Das erfordert immer ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen Patienten und Therapeut oder Klienten und Coach.

 

 

Brauche ich ein Coaching oder eine Therapie?

Was denken Sie denn? Tatsächlich liefert die sicherste Antwort auf diese Frage Ihr Bauchgefühl. Es ist der individuelle Leidensdruck und die Auswirkungen des Problems oder Anliegens auf die Bewältigung des Alltags.

Ein Beispiel: Nehmen wir an, Sie haben Angst vor Präsentationen vor Publikum. Eine Zielsetzung für ein Coaching wäre nun, zu analysieren woher diese Angst kommt und zu lernen, sich dieser zu stellen und wieder mehr Selbstvertrauen zu bekommen. Ist die Angst aber so schlimm, dass Sie zunehmend Schwierigkeiten bekommen überhaupt vor anderen Menschen zu sprechen, oder Präsentationen weiter und weiter hinausschieben, sodass Ihr Job, Werdegang und schließlich auch ihr Alltag damit in Konflikt gerät, dann wird die Angst vor Präsentationen pathologisch und durch eine Therapie behandlungsbedürftig.

Lässt sich also zu dem Problem ein konkretes Ziel formulieren, ist ein Coaching das Mittel der Wahl. Es soll die Coachees in die Lage versetzen, ihre eigenen Ressourcen zu aktivieren, ihre Resilienz zu stärken und zu einer Veränderung anregen. Häufig wird ein Coaching genutzt, um die berufliche Rolle zu reflektieren oder um Fragen zu beantworten wie beispielsweise:

 

…Wie orientiere ich mich beruflich neu?

…Wie gehe ich mit schwierigen Mitarbeitenden um?

…Was will ich eigentlich erreichen?

…Wie vereine ich mein Projekt mit meinem Privatleben?

 

Wenn das Problem allerdings eine weitaus größere Belastung ist und Sie nicht wissen, was Sie überhaupt noch tun sollten. Oder aber Sie können das Problem nicht genau abgrenzen, sondern nur Ihren Zustand beschreiben. Dann bietet sich eine Behandlung im Rahmen einer Psychotherapie an.

Vorsichtig lassen sich folgende Fragen formulieren, welche Hinweise auf eine Therapieempfehlung geben könnten: Leiden Sie unter affektiven Auffälligkeiten wie beispielsweise abwechselnd manische oder depressive Episoden?

 

…Leiden Sie unter körperlichen Auffälligkeiten wie zum Beispiel Schlafstörungen, Skin Picking oder Nägelkauen?

…Bereitet Ihnen etwas ungeheuerliche Angst oder neigen Sie zu zwanghaftem Verhalten?

…Ist Ihr Anliegen oder Ihr Problem auf ein bestimmtes vielleicht traumatisches Erlebnis zurückzuführen oder an einem bestimmten Zeitpunkt auszumachen?

…Neigen Sie zu erhöhtem Konsum von psychotropen Substanzen wie Alkohol oder Medikamenten?

 

Ich bitte Sie jedoch diese Fragen gemeinsam mit einem Vertrauenspartner durchzugehen und mit Vorsicht zu genießen. Sie sollten lediglich zur Abgrenzung nicht aber zu einer ersten Anamnese dienen. Generell gilt: Fühlen Sie sich mit dem zweiten Fragenblock verstandener, holt er Sie eher ab als der erste Fragenblock, wäre ein Termin mit einem Psychotherapeuten sicherlich die bessere Wahl.

 

 

Woran erkenne ich als Coach einen Fall für die Therapie?

Ganz wichtig: Als Coach darf und kann ich keine Diagnose stellen. Ich kann und muss genau genommen nur die Abweichung vom Normalzustand erkennen und dann entscheiden, wie ich mit meinem Kunden weiter verfahre.

Als Coach biete ich dem Coachee Hilfe zur Selbsthilfe an. Das Konzept der Selbsthilfe impliziert Selbstmanagementfähigkeiten und Selbstreflexion.

In meiner Verantwortung liegt es also, in jeder Situation die Grenzen des Coachings definieren zu können. Sehe ich einen Mangel an Selbstmanagementfähigkeiten meines Klienten, sind die Grenzen des Coachings erreicht.

Selbstmanagement baut auf drei Säulen:

    1. Selbstständigkeit: Der Klient möchte unabhängig werden. Er möchte seine Stärken erkennen und ausbauen. Ein konkretes Problem soll abgegrenzt und gelöst werden. Dazu benötigt der Kunde die Hilfe des Coaches, ist aber nicht von diesem abhängig.
    2. Veränderungsbereitschaft: Der Klient ist kritikfähig und möchte sich oder etwas verändern. Dabei ist er offen und versucht nicht, sich in ein besseres Licht zu rücken oder Schwächen zu verschleiern.
    3. Handlungsfähigkeit: Der Klient kann aus den Sitzungen mit dem Coach eigene Handlungsmöglichkeiten ableiten und sich in andere Perspektiven hineinversetzen. Er kann fühlen, in welchem Tempo sich was verändert und darauf aufbauend weitere Ziele formulieren.

Ist keine Besserung der ursprünglichen Problematik erkennbar, wiederholt sie sich gar oder erhöht sich der Leidensdruck meines Klienten zunehmend, liegt es in meiner Verantwortung das Coaching zu beenden. Häufig wollen sich die Personen dann einfach von ihrem Problem und dem Leidensdruck befreien, geheilt werden und sind nicht in der Lage, eigenständig eine Veränderung anzugehen.

In diesen Fällen unterbreche ich das Coaching und nutze die vertrauensvolle Beziehung zu meinem Coachee, um ihm oder ihr offen zu erklären, dass meine Unterstützung im Rahmen eines Coachings Grenzen hat und dass eine tiefergehende Arbeit notwendig ist, um den Leidensdruck aufzuheben.

Doch das muss nicht das Ende des Coachings bedeuten. Es kommt vor, dass nach einer Pause das Coaching auch parallel zur Psychotherapie oder danach wieder aufgenommen wird. Während der Therapeut das Fundament stärkt und ebnet, nutze ich im Coaching die neue Energie des Klienten für die berufliche Weiterentwicklung.

 

 

Und jetzt?

Hören Sie auf Ihren Bauch! Es gibt weder einen Königsweg noch eine Faustformel. Der Schlüssel zur Lösung sind immer Sie selbst. Manchmal verbirgt sich hinter einer festgefahrenen Situation ein größeres tiefer sitzendes Thema. Manchmal ist es aber auch nur der Perspektivwechsel, welcher fehlt, um die Blockade zu lösen. Doch ganz egal ob Sie sich für ein Coaching oder eine Therapie entscheiden. Den wichtigsten und wohl schwersten Schritt haben Sie bereits hinter sich: Die Entscheidung zu fällen, dass Sie etwas verändern möchten und dabei Unterstützung brauchen.

 

 

Tipps zum Weiterlesen:

Meier, N. (2016). Coaching oder Therapie?: Zentral sind die Selbstmanagementfähigkeiten, Coaching Magazin 2, 2016. Abgerufen von: https://www.coaching-magazin.de/beruf-coach/coaching-therapie

Schwertl, W. (2016). (Therapeutische) Behandlung oder Business-Coaching?, Coaching Magazin 2, 2016. Abgerufen von: https://www.coaching-magazin.de/beruf-coach/therapeutische-behandlung-oder-business-coaching

Schwertl, Walter (2015). Business-Coaching: Der Stand der Dinge – Teil 1. in RAUEN Coaching-Newsletter, 10/2015, 1–4. Abgerufen von: https://www.coaching-magazin.de/newsletter/archiv/2015/coaching-newsletter-oktober-2015

 

 

Foto: unsplash.com, Jamie Templetion

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