Boomer vs. Zoomer – Warum niemanden eine Schuld trifft und Heterogenität das neue Zauberwort ist

 

Seitdem die Generation Z nun peu à peu einen Fuß in die Arbeitswelt setzt, werden die „jungen Generationen“ lautstark, überall und ständig diskutiert. Warum eigentlich? Es gab doch schon immer Nachwuchs in Unternehmen, Berufseinsteiger oder Auszubildende. Doch spätestens seit Fridays for Future sind die jungen Wilden in aller Munde. Sie sind für eine Änderung der Klimapolitik, fürs Durchgreifen, um diesen einen Planeten zu schützen, der Natur mal etwas zurück zu geben. Sie sind für Einschränkungen und Veränderungen, die jeder Einzelne – Sie, die diesen Artikel lesen und ich selbst – umsetzen können, nein sollten! Man könnte sagen, dass die Proteste und Forderungen somit ein Auflehnen gegen alte Gewohnheiten und Rituale sind, die der Babyboomer. Doch ihre zum Teil eigene Elterngeneration hat diese schließlich erst so eisern etabliert. Böse Zungen schimpfen: „Wir haben euch diese Welt aufgebaut, die Grenzen geöffnet und Freiheiten geschaffen. Und jetzt schwänzt ihr die Schule, weil euch etwas nicht passt? Forderungen stellen, ohne je gearbeitet zu haben? Frechheit!“ Doch so einfach ist das nicht, wenn auch in diesem Satz schon zwei Wahrheiten stecken: 1. Der Generation der Babyboomer verdanken wir einen großen Teil der Freiheiten und Standards der heutigen Welt. 2. Die jungen Generationen haben Recht: Es muss sich etwas verändern.

 

 

Ok, Boomer: Wer seid ihr?

Doch eines nach dem anderen. Mit wem genau haben wir es in dieser Auseinandersetzung zu tun? Die Generation der Babyboomer umfasst die zwischen 1946 und 1964 Geborenen. Sie wuchsen nach dem zweiten Weltkrieg auf. In einer Zeit, in der die Entwicklungen von Staat und Gesellschaft keinesfalls einer Eigendynamik überlassen wurden, sondern nur innerhalb einer begrenzten Bandbreite erwachsen durften.

Dennoch entwickelte sich im wirtschaftlichen Aufschwung nach dem Krieg eine neue Welt: Auslandsreisen wurden möglich, ja der Wettlauf zum Mond glückte den Amerikanern, das Woodstock-Festival ging in die Geschichte ein und die Geburtenrate explodierte, ein Babyboom – namensgebend für diese Generation – wurde verzeichnet.

Aufgrund der Größe dieser Generation haben die Boomer „ein Ensemble aus eingespielten Praktiken der Nachwuchsbetreuung, samt angeschlossener Einrichtungen und sie stützender Wertehaltungen“ geschaffen (Schmidt, 2022). Sie haben sich ihre eigene Routine etabliert und so auch in der Arbeitswelt Standards geschaffen, von denen sie nur schwer absehen können. Vor allem nicht, wenn eine zahlenmäßig unterlegene und mit deutlich weniger Lebenserfahrung ausgestattete Generation Z ihnen den Platz streitig machen will.

Thomas Schmidt (2022) schreibt als Vertreter der Babyboomer: „Im Wesentlichen haben wir ja unsere generationellen Aufträge erfüllt, wir haben die parlamentarische Demokratie in Deutschland stabil gehalten, sind nie historisch rückfällig geworden und widerstanden nationalistischen Versuchungen. Wir unterstützten das europäische Einigungsprojekt, waren für eine multilaterale Bündnispolitik, für die weltläufige Republik, die Flüchtenden offenstand, wir wurden Tourismus-Weltmeister, ließen uns von anderen Kulturen berühren und akzeptierten die Marktwirtschaft, so sie politisch und moralisch gebändigt blieb.“

 

 

Die Visonäre – Generation Z

Mit welchen generationellen Aufträgen sieht sehen sich aber nun die jungen Generationen (vor allem die Generation Z) konfrontiert?

Zur Generation Z gehören alle, die zwischen 1996 und 2010 geboren wurden. Die Zoomer, wie sie auch genannt werden, sind eine höchst digitale, eher schüchterne und stark ablenkbare Generation. Klingt nicht so gut? Doch die Fähigkeiten der Generation Z sind perfekt an die aktuelle Welt und zukünftige Entwicklungen angepasst. Ausgestattet mit einem „Bullshit-Filter“ (Horx, 2021) kann die Generation Z wie kaum eine andere Generation in Sekundenschnelle zwischen wichtig und unwichtig, richtig und falsch, fake und real unterscheiden. Sie haben die Machete für den digitalen Dschungel und keine Scheu sie einzusetzen.

Die zunehmende Globalisierung, die Digitalisierung des Alltags, der Klimawandel, die allgemeine Beschleunigung des Lebens prägte diese Generation. Darüber hinaus haben sie etwas, was sich die Boomer als Mangel eingestehen: Ein Gefühl für historische Prozesse. Sie haben die Weitsicht, die den Boomern zum Teil fehlt. Stellvertretend für die Boomer fasst Schmidt (2022) in seinem Artikel zusammen: „Wie vielen anderen in meinem Alter fällt es mir schwer, mich als das Produkt von historischen Prozessen langer Dauer anzusehen oder mich von ganz stürmischen Kurzereignissen umkrempeln zu lassen. Meine Zeiterfahrung ist eher mittelfristig.“

Doch die Zeiterfahrung der jungen Generation ist eher langfristig. Eine schnelle Befriedigung von Bedürfnissen im Hier und Jetzt, Achtsamkeit und Feedback immediately zeichnet die „Jungen“ ebenso aus, wie ein gewisser Weitblick, eine genaue Vorstellung von der Zukunft und – im Sinne des Future-Back-Thinkings – die Fähigkeit, Soll-Zustände der Zukunft auf Aktivitäten in der Gegenwart herunterzubrechen. Spätestens seit den Fridays-for-Future Rebellionen dürfte klar sein, dass einige Vertreter der jungen Generationen genau das fordern: Eine Einschränkung der Freiheiten und Spielräume jedes Einzelnen, um die Welt zu stabilisieren.

Jens Jessen (2022) bringt es auf den Punkt: „Die Jugend hat nicht die Freiheit, sich zu Erderwärmung, Umweltzerstörung, Hunger und Massenmigration so oder so zu verhalten. Sie wird nur durch gewaltige Anstrengungen und grausame Selbstbeschränkung überleben. (…) In der öffentlich geforderten Moral haben sie das Machtmittel gefunden, mit dem die Mehrheitsgesellschaft eingeschüchtert werden kann.“

Sie sehen die Einschränkungen ihrer – unser aller Freiheiten – als einziges Mittel, um Freiheiten zu erlangen. Klingt paradox? Dann formuliere ich es anders: Es muss sich etwas verändern, damit es besser wird. Und damit es besser wird, müssen wir alle etwas verändern. So die Forderung der Generation Z.

 

 

Und nun? – Der Konflikt

Also Ärmel hoch und packen wir es an! Aber so einfach ist das eben nicht. Und damit Bühne frei für den Konflikt. Dazu einige Zahlen:

Ende 2021 zählten wir 8,2 Millionen Menschen zwischen 15 und 24 in Deutschland. Das sind etwa 10% der Bevölkerung. Zum Vergleich 1982 waren es 13,1 Millionen oder ca. 16,7% der deutschen Bevölkerung (Statistisches Bundesamt, 2022). Die Stimme der jungen Generationen muss also laut sein, denn gegen die Masse der amtierenden Boomer-Gesellschaft kommen sie rein zahlenmäßig nicht an.

Aus einem Ohnmachtsgefühl gegen die Macht der „Alten“ entwickelte sich Frust und zündete in einer Rebellion (z.B. eben Fridays-for-Future). Sie wollen ihre Wirklichkeit verändern und resilienter für die Zukunft sehen. Die Boomer hingegen haben doch schon alles gegeben, sie haben das Fundament für das 21. Jahrhundert gebaut. Sie fühlen sich übergangen und nicht wertgeschätzt. Die „Jungen“ fühlen genau das Gleiche. Verrückt!

Tristan Horx (2021) formulierte es so treffend: „Die Generationen sehen die Welt, die sie schaffen, meist als ihren rechtmäßigen Besitz und fühlen sich angegriffen, wenn jemand darin an den Werten und Normen rüttelt.“

 

 

So wird’s gemacht – Die Lösung

Schritt #1: Niemand sollte versuchen, eine Schuldfrage zu klären. Es gibt weder Schuldige noch Helden in dieser Diskussion. Warum ist klar: Denn mehr oder minder hat die Generation, die nun über die „Jungen“ meckert, diese erst hervorgebracht.

Schritt #2: Transparenz und Heterogenität ermöglichen! Im Idealfall erkennen beide Streitparteien die Errungenschaften und Werte unserer gemeinsamen Gesellschaft an – egal auf wen was zurückzuführen ist – und entwickeln eine gemeinsame Wirklichkeit.

Halten wir uns allen nun ein Spiegel vor: Was können die „Jungen“ von den „Alten“ lernen und umgekehrt? Das ist unerlässlich, denn schon die Biologie zeigt: Monokulturen zehren den Boden aus und hinterlassen nur verbrannte Erde. Aber heterogene Ökosysteme dagegen sind resistenter gegenüber Schädlingen. „Wenn wir krisenfest sein wollen, müssen wir die Komplexität der Heterogenität in Kauf nehmen.“ (Horx, 2021). Diversität ist notwendig. Diversität macht stark und resilient.

Die Orientierung der jungen Generationen in dieser schnelllebigen und digitalen Welt und ihr Zukunftsdenken gepaart mit der Beständigkeit der Babyboomer, ihren Erfahrungen und Routinen aus der stabilen Nachkriegswelt sind – meiner Meinung nach – das Erfolgsrezept, um der immer komplexer werdenden Welt offen und resilient entgegen zu treten.

Den Zoomern fehlt Halt? Kein Problem, die Boomer sind schon da. Die Boomer haben Angst vor dem Zerbrechen ihrer Beständigkeit? Keine Sorge, die Zoomer ebenen den Weg.

Warum eigentlich nicht?

 

 

Quellen

Horx, T. (2021). Unsere Fucking Zukunft: Warum wir für den Wandel rebellieren müssen. Köln: Quadriga, Bastei Lübbe.

Jessen, J. (25. August 2022). Warum so ernst?. Die ZEIT, Nr. 35.

Moskaliuk, J. (2016). Generation Y als Herausforderung für Führungskräfte: Psychologisches Praxiswissen für wertorientierte Führung. Wiesbaden: Springer.

Schmidt, T. E. (8. September 2022). Wir Unendlichen. Die ZEIT, Nr. 37.

Scholz, C. (2014). Generation Z: Wie sie tickt, was sie verändert und warum sie uns alle ansteckt. Weinheim: Wiley-VCH.

Statistisches Bundesamt (25.Juli 2022). Pressemitteilung: Zahl und Anteil junger Menschen zwischen 15 und 24 Jahren auf neuem Tiefststand. Abgerufen von: https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2022/07/PD22_N046_122.html

 

Bild: unsplash – Markus Spiske

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